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Muhal Richard Abrams
Visionär und kraftvoll: zur Geschichte der AACM
Von Christian Broecking
Bei der 40-Jahr-Feier im Mai 2005 waren 300 Leute, mehr passten nicht rein. Dass die Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) überhaupt so lange durchhalten würde, war anfangs gar nicht abzusehen. Zahlreiche andere Musikervereinigungen, die eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen erreichen wollten, scheiterten im Laufe der Zeit. Auch die Bilanz der AACM ist auf den ersten Blick gar nicht so spektakulär. Man hat keinen eigenen Auftrittsort, kein Plattenlabel, kein Archiv. Lediglich die Website (www.aacmchicago.org) gibt einige Auskünfte über die einflussreiche afroamerikanische Musikerselbstorganisation. Der 1999 verstorbene Trompeter Lester Bowie ist einer der bekanntesten Namen auf jener Liste, unter den überlebenden Aktivisten zählen der Saxofonist Anthony Braxton und der Pianist Muhal Richard Abrams, der die Organisation mitgründete, zu den grossen Innovatoren der amerikanischen Musikgeschichte. Sie haben die scharfe Trennungslinie zwischen notierter und improvisierter Musik mit grosser Wucht durchbrochen.
Vor wenigen Jahren erst nahmen Muhal Richard Abrams, Roscoe Mitchell und George Lewis die CD «Streaming» (PI) auf. Nur Abrams lächelt auf den Booklet-Fotos, die bei Lewis zu Hause aufgenommen wurden. Die anderen beiden schauen ernst, nachdenklich, verwundert. Abrams wuchs noch mit Radio auf, in Mitchells Kindheit war Fernsehen das grosse Thema, und der 1952 geborene Lewis experimentierte schon früh mit Computern. Zusammen repräsentieren sie die beiden ersten Generationen der schwarzen Chicagoer Musikervereinigung. Lewis ist heute neben seiner Tätigkeit als Musiker und Komponist Professor an der Columbia University in New York. Mit einer finanziellen Zuwendung vonseiten seines Lehrstuhls nahmen die drei diese CD mit frei improvisierter Musik auf das dabei entstandene Material übertraf die Länge einer CD um das Dreifache, und bis auf wenige Ausnahmen wählten sie nur die Stücke aus, die fast ohne vorherige Absprachen entstanden.
Als Lewis seinem ehemaligen Kompositionslehrer vor zwölf Jahren vorschlug, ein Buch über ihn zu schreiben, winkte Abrams ab. Er fand es viel wichtiger, dass die Geschichte der AACM aufgeschrieben wird. Gut zehn Jahre forschte Lewis daraufhin und schrieb schliesslich das definitive Buch über jene 100 Künstler-Individuen in einer Organisations-Geschichte, die über 40 Jahre umspannt: «A Power Stronger Than Itself. The AACM and American Experimental Music» ist in diesem Jahr bei The University of Chicago Press erschienen.
Viele Fragen seien offen geblieben, berichtet Lewis, und täglich bekomme er neue Antworten. Die schwarze experimentelle Kunst der frühen Sechzigerjahre, der Einfluss der schwarzen Frauen auf die Grosse Migration, die frühen Jahre von Amiri Baraka und parallel dazu die weisse experimentelle Szene, Leute wie Steve Reich und Philip Glass das sind nur ein paar Beispiele für die vielen Dinge, die das damalige Denken der AACM-Mitglieder beeinflusst haben. Lewis hat versucht, das Netzwerk nachzuzeichnen, in dem sich die Musiker bewegt haben, wen sie kannten, wer wichtig für wen war.
Die Situationen, in die sich freie Improvisatoren heute begeben, gelten als prekär. Den konservativen Torwächtern des Jazz sagt Lewis dennoch eine harte Zeit voraus; für jene, die an Netzwerke, Zirkulation, Offenheit und Verschiedenheit glauben, sieht er heute einen der besten aller möglichen Momente. «Keine Musik ist derart überwacht und verurteilt worden wie Black Music verurteilt zur Authentizität, Richtigkeit und Einhaltung der vorgegebenen Grenzen. Das kenne man aus anderen kulturellen Feldern so nicht», sagt Lewis. Das habe viele junge Musiker entmutigt, neue Musik zu entwickeln, dabei sei gerade der Jazz das Symbol für die Fähigkeit zur Freiheit. Allerdings ist so eine edle Position auch permanent gefährdet.
Als AACM-typisch gelten kleine Dinge wie Bambusflöte, Taxihupe und Glocke, das Geheimnis für die Langlebigkeit der AACM sei jedoch, dass sie kein determinierendes Dogma habe, erklärt Lewis. Jeder könne seine Meinung äußern, doch sie sei nicht verpflichtend. Sklaverei war 300 Jahre Stille, nicht nur 4.33 Minuten. Jeder spreche für sich selbst, und Komposition sei nicht mehr ein kultureller Ausdruck der Unterdrücker, sondern ein transgressiver Akt, «weil es uns nicht erlaubt war, zu komponieren».
Lewis weist auf bestimmte historisch und sozial bedingte Methoden hin, die die Musiker der AACM von den europäischen Improvisatoren unterscheiden. Er kritisiert, dass die Kompositionsbreite der AACM-Musiker hier nur sehr selektiv wahrgenommen werde, weil das Interesse der europäischen Musiker an einer Zusammenarbeit mit AACM-Mitgliedern sich auf das Feld der freien Improvisation beschränke. Das Wichtigste, was Improvisatoren tun, sei, Situationen zu erforschen und entsprechend darauf zu reagieren oder darin zu agieren, berichtet Lewis von seiner Arbeit mit Abrams. Man müsse sich permanent entscheiden, wann der Plan verworfen wird, und während des Spielens spontan Vorschläge machen, was stattdessen kommt: «Es geht um Mobilität. Wer sich nicht bewegt, ist tot.»
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